Besser Sticken #5 – Sticken auf Leder, Wachstuch & Co.

Ich freue mich, Euch heute den bereits fünften Beitrag zu unserer 2. Reihe der Besser Sticken Serie präsentieren zu dürfen.

Sticken auf Leder, Kunstleder, Korkleder und Wachstuch (beschichtete Baumwolle)

 

Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema Sticken auf Materialien, welche leicht perforiert werden und nicht wirklich eingespannt werden können. Hattest Du schon Erfolge beim Besticken dieser Materialien oder ist einiges schiefgegangen? Im Netz findet man leider wenige Informationen dazu, und einige sind widersprüchlich. Dazu später mehr. Schauen wir uns erstmal die technischen Aspekte an.

Geeignete Stickdateien

 

Am besten sind lockere Muster mit wenig Stichdichte: Balckwork, Redwork, Bluework, Doodle, Vollstick mit geringe Dichte

Alle drei Materialien beim Sticken perforieren, wobei im schlimmsten Fall die Stickerei komplett aus dem Material abgetrennt werden, respektive nach kurzer Benutzung ausreißen kann. Die Löcher, welche durch die Nadeleinstiche entstehen, „verheilen“ nicht so wie wir es bei Baumwollgewebe kennen. Aus diesem Grund sind sehr dichte Stickmuster für diese Stoffe nicht so gut geeignet. Es ist durchaus möglich, dichtere Muster auf diesen Materialien zu sticken. Je nach Beschaffenheit des Materials und der Dichte der Stickdatei bleibt natürlich ein Risiko des Misserfolges. Wenn Du in dieser Serie immer mitgelesen hast, hast Du ein besseres Verständnis von Stickdateien und kannst auch bei anderen Mustern einschätzen, ob das Muster zu dicht ist.

 

Mein Tipp: Kleinere Vollstickmuster sind einfacher auf diesen Materialien umzusetzen. Große Muster können zwischen den Bereichen des Designs Beulen oder Blasen bilden, was man hier nicht wirklich ausbügeln kann.

Wenn es wirklich klappen muss – mein Trick 17

Ich weiß auch nicht immer wie ich stabilisieren muss und habe immer wieder Misserfolge. Wenn es wirklich klappen muss und ich mir sehr unsicher bin, mache ich einen Test. Wenn ich gut drauf bin, sticke ich das Muster mit allen seinen Farben und mit der Stabilisierung, die in meinem Kopf für das Material Sinn macht, zur Probe. Ich bin aber in der Regel etwas faul… Mein Trick 17 ist es, das Muster schnell in einer Farbe auszusticken. An meiner BERNINA Maschine kann ich das mit einem Knopfdruck einstellen. Schaue in Deiner Bedienungsanleitung nach, ob so etwas auch bei Deiner Maschine geht. Wenn es nicht möglich ist, kannst Du das Muster in der Software zu einer Farbe wechseln, oder eben immer wieder auf den Startknopf drücken ohne das Garn zu wechseln. In diesem Fall stabilisiere ich wie ich meine, dass es in der jeweiligen Situation am besten funktionieren würde und lasse das Muster in einer Farbe durchrattern. In diesem Fall sind mir die Kosten für das Stückchen Material, das Vlies und Garn egal, denn so kann ich sehen, ob mein Material sich zusammenzieht, komplett perforiert, ob sich die Registrierung des Musters anhand der Materialbewegung stark verschiebt etc.  …und ob die Stabilisierung ausreichend ist. 

Für diesen 1. Test habe ich mit Absicht zu wenig stabilisiert, damit ich Euch zeigen, respektive beweisen kann, dass die Stabilisierung eine große Rolle spielt. Mehr zu Stabilisierungstipps unten.

Material begutachten

Leder: Nicht alle Lederarten sind für das Besticken geeignet. Sehr steife und harte Lederarten sind weniger geeignet, weichere Sorten funktionieren gut.

Kunstleder: Bestimmte weiche Arten mit Dehnbarkeit sind schwierig zu besticken. Diese müssen extra gut stabilisiert werden. Kunstleder mit einer Vliesrückseite funktioniert sehr gut, und Kunstlederarten mit einer sichtbaren Schicht Kunststoff auf der Oberseite sind nicht so gut geeignet.

Korkleder: Korkleder mit einer Vliesrückseite funktioniert sehr gut. Wenn es ohne Vliesschicht ist, muss gut stabilisiert werden. Je nach Stickmuster besteht die Gefahr, dass das Material brüchig wird.

Wachstuch: Je nach Qualität und Beschichtung ist dieses nicht so gut geeignet, da bei einer dickeren Beschichtung (Tischdeckenwachstuch) die obere Schicht so perforiert werden kann, dass sich Teile der Beschichtung lösen und herabstehen. Klassisches mexikanisches Wachstuch (wird gewachst, nicht mit Kunstsoff beschichtet!) funktioniert sehr gut, ist jedoch heutzutage sehr schwer zu finden.

Beschichtete Baumwolle: Hat in der Regel eine sehr gute Qualität und besitzt die Eigenschaften eines gewebten Baumwollstoffes und kann daher sehr gut bestickt werden. Je nach Stärke der Beschichtung kann es zu Problemen kommen, dass die Kunststoffschicht sich löst und herabsteht.

Dehnbarkeit ist problematisch

Leder und Kunstleder können manchmal diverse Grade von Dehnbarkeit aufweisen. Die Dehnbarkeit eines Materials stellt beim Sticken eine Herausforderung dar. Um beste Resultate zu erhalten, sollte man die Dehnbarkeit für den Stickprozess verhindern – siehe Beitrag 4 aus dieser Serie.

Da man Leder und Kunstleder manchmal gar nicht bügeln darf, erkläre ich Dir unten wie Du die Dehnbarkeit dieser Materialien im Schach halten kannst.

Einspannen oder auflegen?

Leder, Kunstleder, Kork und Wachstuch sind schwer einzuspannen, und es besteht die Gefahr von permanenten Abdrücken (Hoop Burn). Bei sehr heiklen Stickmustern kann man die Einspannmethode mit dem Inlay (Passepartout) , wie im Beitrag 2 unserer Besser Sticken Serie, probieren. Ich spanne generell nicht ein und lege, bzw. klebe, das Material auf dem Stickvlies auf.

Beschichte Baumwolle kann man ohne weiteres einspannen, gerne auch mit dem Inlay. Beschichtete Baumwolle kann in der Regel von links gebügelt werden. 

Vliese gegen die Dehnbarkeit

Einige Vliese eignen sich zum Besticken der genannten Materialien. Als erstes ist es sehr wichtig, die Dehnbarkeit des Materials zu verhindern. Je nachdem ob das Material gebügelt werden kann stehen uns ein paar Optionen zur Verfügung:

Variante 1: Sprühkleber plus Stickvlies zum Abschneiden oder ein Stück gewebter Stoff.

Besprühe die Rückseite des zu bestickenden Materials mit ein wenig Sprühkleber und klebe das Stickvlies oder den Stoff an. Bei der Verwendung von Stoff beachte die Fadenrichtung, klebe diesen also nicht mit 45 Grad Fadenlauf drauf. Klebe das Vlies oder den Stoff so auf die linke Seite, dass Du das Leder oder Kunstleder nicht dehnst und keine Blasen entstehen, also ganz sanft andrücken.

Stickvlies zum Abschneiden: Madeira Super Strong, Sulky Super Strong, Madeira Weblon Plus, Madeira Super Web

Variante 2: Vlieseline H250 oder Schneidevlies zum Aufbügeln

Kann das Material gebügelt werden (mache immer einen Test!) kannst Du die Rückseite mit den folgenden Vliesen stabilisieren: H250 von Freudenberg, Madeira Weblon Stable, Madeira Super Stable, Sulky Totally Stable, Sulky Ultra Stable (sehr steif).

Deckschicht: ist nur notwendig wenn das Material sehr weich ist.

Geeignet ist Sulky Solvy und Madeira Avalon. Die Folie wird einfach auf das Stickgut aufgelegt.

Stabilisatoren für den Stickrahmen

Wir müssen immer noch irgendein Vlies haben, um den Stickrahmen zu bespannen. Auch hier gibt es einige Möglichkeinen.

Selbstklebendes Vlies: Sulky Filmoplast und Madeira Cotton Fix

Das ist wohl das meist benutzte Vlies für Materialien, welche nicht eingespannt werden können. Es wird eingespannt, das Papier wird in den Rahmen mit einer Stecknadel angeritzt und entfernt, und das Stickgut angeklebt. Folgend habe ich für Euch zu Demonstrationszecken ein paar Beispiele Testweise abgestickt.

Schneidevlies, Reißvlies und Sprühkleber

Hier gilt: nimm was Du gerade vorhanden hast, denn 1000 Wege führen nach Rom. Schneidevliese sind stabiler, aber wenn man mehr Stabilität braucht, kann man immer 2 Lagen Schneidevlies nehmen. Einfach einspannen, mit ein wenig Kleber besprühen und das (ggf. vorstabilisiertes) Stickgut andrücken.

Schneidevliese: Madeira Super Strong, Sulky Super Strong, Madeira Weblon Plus, Madeira Super Web

Reißvliese: Madeira Cotton Soft, Sulky Tear Easy

Test 1

In meinem Test, wo ich mit einer Farbe gestickt habe, habe ich Filmoplast Vlies benutzt, allerdings habe ich die sehr leichte, fast nicht vorhandene Dehnbarkeit nicht zusätzlich stabilisiert/verhindert. Das Resultat ist sehr gut, aber die Perforation an den Rändern der Stickerei ist viel stärker als bei dem Beispiel (Test 3) weiter unten. Man kann es im Foto nicht so gut sehen, aber der Unterschied ist da. Beim Ziehen am Rand der Stickerei reißt das Muster nicht heraus. Ich vermute auch stark, dass es über die Zeit auch nicht ausreißen würde. Beim Lichttest sieht man den Unterschied in der Perforation allerdings sehr deutlich.

Also kann ich hier sagen, dass eine extra Stabilisierung mit Schneidevlies, Stoff oder Bügelvlies bessere Resultate liefert.

Test 2

Hierbei habe ich ein sehr dünnes und dehnbares Kunstleder, dass ich nicht extra stabilisiert habe und mit Klebevlies abgestickt habe. Das Material hat Falten und Beulen, die Ränder sind sehr stark perforiert, jedoch nicht ausgestanzt. Im Lichttest sieht man die Perforierung sehr deutlich.

Wie Du siehst ist das hier ein Flopp gewesen. Schauen wir was passiert, wenn man anders stabilisiert.

Test 2a

Ich hatte kein selbstklebendes Vlies mehr, also habe ich hier wie folgend stabilisiert: Stickgut mit Schneidevlies beklebt und auf eingespanntes Reißvlies angeklebt. Das Resultat ist viel besser, also 1 Punkt für die Stabilisierung. Die Ränder sind stark perforiert, jedoch nicht ausgestanzt. Es gibt leichte Beulen an den Rändern der Stickerei. Im Lichttest ist die Perforierung fast gleich wie im Test 2. Ich finde, dass das Stickresultat auch hier ein Flopp ist. Sicher würde es was besser aussehen, wenn ich das Muster mit allen seinen Farben abgestickt hätte, aber im Großen und Ganzen ist es so oder so nicht schön. Fazit: dünnes, sehr dehnbares Kunstleder ist für Vollstickmuster NICHT geeignet.

Test 3

In diesem Beispiel habe ich die Rückseite des Kunstleders mit einem Stück Schneidevlies und mit Sprühkleber stabilisiert. Anschließend habe ich eine Lage Reißvlies eingespannt und das Stickgut angeklebt. Das Resultat ist sehr gut geworden. Ich habe keine Beulen, die Registrierung des Musters ist sehr gut, und die Ränder sind zwar ordentlich perforiert, aber nicht ausgestanzt. Wenn ich an den Rändern der Stickerei ziehe, bewegt sich das Material, reißt aber nicht. Ist in meinen Augen ist das also gut, und wird über die Zeit auch nicht ausreißen.

Nadeln

Welche Nadeln zum Sticken auf Leder am besten geeignet sind ist wohl am strittigsten unter den Profis. Manche sagen, dass man eine Ledernadel benutzen muss, andere schwören auf eine Universal- Sticknadel oder Microtex. Ledernadeln schneiden das Material und sind meiner Meinung nach zum Sticken überhaupt nicht geeignet. Die Nadeldicke sollte immer auf das Garn angepasst sein! – siehe vorherige Beiträge.

Universalsticknadel: hat eine leicht abgerundete Kugelspitze und funktioniert hier sehr gut.

Sticknadeln mit Kugelspitze: manchmal kommt das Stickgut mit der Nadel hoch, und kann deshalb Schlaufen und Co. in der Stickerei verursachen. Das passiert teilweise daran das wir mit klebenden Substanzen arbeiten, liegt aber auch am Material. Eine Halbkugelspitze ist nach unten dünner und wird nach oben hin ein wenig dicker. Das Loch ist dementsprechend zu klein, und das Leder bleibt an den etwas dickeren Stellen haften und wird somit mit hochgezogen. Wenn das bei Dir passiert, benutze einfach eine Nadel mit Kugelspitze. Hierbei wird das Einstichloch fast gleich groß wie der Rest der Nadel, und das „Springen“ des Materials ist so eliminiert.

Anti- Glue Nadeln: Hast Du Probleme, weil viel Kleber an der Nadel haftet? Gegebenenfalls hast Du zu viel Sprühkleber benutzt (Smile), aber diese Nadel hier schafft Abhilfe. Anti-Glue Nadeln verringern auf Grund der Beschichtung das Anhaften von Kleberückständen.

Microtex: durch die besonders dünner und schlanke Spitze dringt diese leicht in das Gewebe ein und hinterlässt kleine Löcher an der Einstichstelle.

Sticken auf Wachstuch

Klassische Wachstücher bestehen aus PVC mit Gewebegitter auf der Rückseite. Während es möglich ist, Vollstickmuster mit den hier im Beitrag erwähnten Tipps und Tricks zu besticken, würde ich es nicht empfehlen. Lockere Muster gehen besser. Je nach Qualität kann man hierbei große Bedenken haben, dass sich die Beschichtung während des Stickens oder im Gebrauch an den Rändern löst. Mein zweites Argument gegen das Besticken von Wachstuch ist, dass diese meistens selbst starke Muster haben, wozu also noch besticken?

Sticken auf beschichteter Baumwolle

Das klappt viel besser, insbesondere, wenn man gute Qualität benutzt. Ich habe heute für Euch keine Muster abgestickt, denn die Materialbeschaffenheiten sind eigentlich gleich wie bei gewebter Baumwolle. Schaut also nach Tipps und Tricks im Beitrag 3. Link Beitrag 3

Meine Erfahrung ist, dass die Beschichtung sich während des Stickens nicht löst, aber manchmal (Qualität) später im Gebrauch. Lockere Muster sind kein Thema, ich würde aber persönlich auch auf diesem Material keine Vollstickmuster sticken wollen.

Ich hoffe ich konnte Euch heute etwas beibringen, und wünsche Euch viel Erfolg beim Sticken. Das nächste Mal schauen wir uns das Thema Sticken auf hochflorigen Materialien an.

Liebe Grüße

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